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Beitrag vom 17.03.2026
Zwischen Hilferufen, Asyl und Repression – Irans Fußballerinnen setzen Zeichen
Sylvia Rochow
Beim AFC Women´s Asian Cup 2026 in Australien gerät das iranische Frauen-Fußballnationalteam ins Zentrum eines politischen und menschlichen Dramas. Das australische Innenministerium gewährt humanitäre Visa, von denen nach aktuellem Stand nur zwei Spielerinnen Gebrauch gemacht haben. Unterstützung durch UN-Frauenorganisationen bleibt aus. AVIVA zeichnet eine einordnende Chronologie des ebenso dramatischen wie dynamischen Geschehens.
Am 1. März 2026 wurde im australischen Perth (Boorloo) der AFC Women´s Asian Cup 2026 angepfiffen. Die "Matildas" bezwangen zum Auftakt vor heimischer Kulisse die "Filipinas" mit 1:0. Inzwischen stehen die Gastgeberinnen ebenso wie China, Japan und Südkorea bereits im Halbfinale. Die sportlichen Ergebnisse waren jedoch schon am 2. März 2026 in den Hintergrund gerückt: Die Spielerinnen aus dem Iran hatten sich vor der Partie gegen die Südkoreanerinnen auf dem Rasen von Gold Coast zu den obligatorischen Nationalhymnen aufgestellt – und schwiegen bei den Klängen der 1990 in der islamischen Republik eingeführten "Mehr-e Khavaran".
Ein mutiger Schritt vor den Augen der Weltöffentlichkeit: Seit Ende Dezember 2025 protestieren im Iran Millionen Menschen unter hohem persönlichem Risiko gegen politische Unterdrückung und für elementare Freiheits- und Grundrechte. Der symbolische Akt der "Shirzanan" wurde sofort als mögliches Zeichen der Distanz zum Teheraner Regime wahrgenommen. Umso bemerkenswerter und kraftvoller erscheint die Aktion, da die Sportlerinnen als vermeintliche Repräsentantinnen ihres Heimatlandes kurz nach Beginn der Luftangriffe Israels und der USA auf den Iran am 28. Februar 2026 ohnehin bereits unter besonderer Beobachtung sowie politischem Druck gestanden hatten. Wenige Wochen vor Beginn des Asien-Cups erklärten die Spielerinnen Zahra Alizadeh und Kousar Kamali aus Protest gegen das brutale Vorgehen gegen die landesweiten Demonstrationen ihren Rücktritt aus dem iranischen Nationalteam. Sicherheitskräfte und Vertreter*innen des Fußballverbands des Iran sollen daraufhin Drohungen gegen die Familien und Angehörigen der Fußballerinnen ausgesprochen sowie Gehaltskürzungen und den Ausschluss vom Mannschaftstraining angekündigt haben, um die Frauen zum Schweigen zu bringen.
Die Division Asien/Ozeanien der internationalen Spieler*innengewerkschaft FIFPRO postete am 6. März 2026 ein Statement, in dem sie Schutzmaßnahmen für die Spielerinnen sowie Offiziellen der iranischen Frauen-Nationalteams forderte: "Seit der Ankunft der Mannschaft in Australien hat sich die Sicherheitslage im Iran […] deutlich verschlechtert. […] Zusätzlich zu der gefährlichen Lage, der die Spielerinnen bei einer Rückkehr in den Iran nach dem Turnier ausgesetzt wären, ist FIFPRO Asien/Ozeanien zutiefst besorgt über Berichte, wonach das iranische Staatsfernsehen die Mitglieder der Mannschaft öffentlich angegriffen hat, weil sie vor ihrem Auftaktspiel während der Nationalhymne geschwiegen haben. Im Internet verbreitete Aufnahmen zeigen den staatlichen Fernsehmoderator Mohammad Reza Shahbazi, der die Spielerinnen als ´Kriegsverräterinnen´ bezeichnet und fordert, dass sie dem ´Makel von Unehre und Verrat´ ausgesetzt werden. Diese Äußerungen verstärken die Sorge um die Sicherheit der Spielerinnen erheblich, falls sie nach dem Turnier in den Iran zurückkehren. […] Wir fordern die AFC (Anm.: Asian Football Confederation, asiatischer Kontinentalverband des Weltfußballverbandes FIFA) und die FIFA auf, umgehend mit dem iranischen Fußballverband, der australischen Regierung und allen anderen zuständigen Stellen in Kontakt zu treten, damit alles unternommen wird, um die Sicherheit der Spielerinnen zu schützen."
Nach Angaben des US-amerikanischen Nachrichtensenders CNN sollen die "iranischen Löwinnen" gezwungen worden sein, vor ihrem zweiten Gruppenspiel am 5. März 2026 gegen Australien zu salutieren und die Nationalhymne zu singen. Im Anschluss an die 0:2-Niederlage gegen die Philippinen drei Tage später, die zugleich das Turnieraus für die "Shirzanan" besiegelte, rückte endgültig die politische Dimension in den Vordergrund. Bei der Abfahrt aus dem Gold Coast Stadium hatte es den Anschein, dass mehrere Frauen an den Fensterscheiben des Teambusses Hilferufe mit Gesten der Hände abgaben. Am 9. März 2026 bestätigte Australiens Innenminister Tony Burke, fünf iranische Spielerinnen hätten humanitäre Visa erhalten, nachdem sie aus Sorge vor Verfolgung um Schutz baten. Die Frauen waren über mehrere Tage hinweg mit Hilfe australischer Behörden an einen sicheren Ort gebracht worden. Am Abend des 10. März 2026 hieß es übereinstimmend von mehreren Medien, die Zahl derjenigen, die ein solches Visum in Anspruch genommen hätten, habe sich auf sieben Personen aus der Delegation erhöht. Bereits am nächsten Morgen meldete die britische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt BBC aber, dass doch nicht alle Frauen in Down Under bleiben würden. Eine weitere dramatische Wendung der Ereignisse. Die BBC zitierte eine Mitteilung Burkes: "Eine der beiden, die gestern Abend noch beschlossen hatte, zu bleiben, habe mit einigen ihrer bereits abgereisten Teamkolleginnen gesprochen und ihre Meinung geändert."
Während Amnesty International Australien den Schutz für die iranische Frauenfußballmannschaft umgehend begrüßte und der australischen Öffentlichkeit und den internationalen Unterstützer*innen dankte, die sich solidarisch mit den Iranerinnen gezeigt hätten, findet sich auf den öffentlich zugänglichen Kanälen von UN Women bis zum heutigen Tage keine Stellungnahme zu den Ereignissen rund um das iranische Team. Vielmehr datiert der letzte Eintrag mit Iran-Bezug unter dem Titel "Erklärung von UN Women zum ersten Jahrestag des Todes von Mahsa Amini" vom 15. September 2023. Auch das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen Deutschland (UNHCR) schweigt zu dem konkreten Fall, betont in seiner Pressemitteilung "Iran: bis zu 3,2 Millionen Menschen vorübergehend vertrieben" vom 12. März 2026 lediglich "die dringende Notwendigkeit, Zivilisten zu schützen, humanitären Zugang zu wahren und sicherzustellen, dass die Grenzen für diejenigen, die Sicherheit suchen, im Einklang mit den internationalen Verpflichtungen offen bleiben." Von der in New York City ansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO) Equality Now sind ebenso wenig Statements rund um das iranische Frauen-Fußballteam bekannt wie von der internationalen Frauenrechtskonferenz Women Deliver!. Deren nächste Zusammenkunft "WD2026", nach eigenen Angaben die weltweit größte Konferenz für die Gleichstellung der Geschlechter sowie die Rechte und das Wohlergehen von Mädchen und Frauen im 21. Jahrhundert, wird ironischerweise in wenigen Wochen, vom 27. bis 30. April 2026, im australischen Melbourne (Narrm) stattfinden. Human Rights Watch (HRW) vertritt laut einer am 13. März 2026 publizierten Meldung die Auffassung, "Fußballverbände sollten mehr tun, um die Meinungsfreiheit von Sportlern zu schützen […] Die Entscheidung der australischen Regierung, fünf Mitgliedern der iranischen Frauenfußballnationalmannschaft und einer Funktionärin Asyl zu gewähren, zeigt, wie wichtig es ist, mutige Sportlerinnen zu schützen, die für ihre Überzeugungen einstehen."
Am 14. und 15. März 2026 meldeten unter anderem die Nachrichtenagenturen Reuters und AP sowie die britische Tageszeitung The Guardian, dass mehrere weitere Spielerinnen und Delegationsmitglieder Australien wieder verlassen hätten und über Kuala Lumpur sowie die Türkei in den Iran zurückkehren werden, unter ihnen die Mittelfeldspielerinnen Mona Hamoudi, Zahra Sarbali und Betreuerin Zahra Meshkehkar. Auch Kapitänin Zahra Ghanbari soll ihren Asylantrag mittlerweile zurückgezogen haben. Es liegt auf der Hand, dass die Rückkehr nicht freiwillig erfolgte. Helferinnen aus der iranisch-australischen Community verweisen Medienberichten zufolge darauf, dass Drohungen gegen die Familien der Teamangehörigen, Kommunikationskontrolle sowie massiver psychischer Druck eine zentrale Rolle gespielt hätten. Australische Regierungsvertreter*innen betonten wiederholt, die Betroffenen seien umfassend informiert worden und hätten echte Bleibeperspektiven erhalten.
Am 16. März 2026 hieß der australische Fußball-Club Brisbane Roar FC in Social Media-Posts offiziell die 21-Jährige Fatemeh Pasandideh und die 33-Jährige Atefeh Ramezanisadeh auf seinem Vereinsgelände willkommen. Dort sollen beide künftig am Training des A-League-Women-Kaders teilnehmen können. Sie scheinen nach jetzigem Stand die einzigen der ursprünglich mutmaßlich sieben Frauen zu sein, die an ihren Asylgesuchen in Australien festhalten. Brisbane Roar FC kündigte an, den Spielerinnen "ein unterstützendes Umfeld zu bieten, während sie die nächsten Schritte in ihrer Karriere gehen."
Mehr Infos unter: Women´s Asian Cup, Instagram-Account von FIFPRO Asien/Ozeanien und Brisbane Roar FCs Instagram-Account
Copyright Text: Sylvia Rochow